Statistiken über Frauen in der Prostitution

Stats on women

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Alle Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, da einige Studien bereits einige Jahrzehnte alt sind und somit womöglich nicht die aktuelle Situation wiederspiegeln, nicht Deutschland-spezifisch oder nur Schätzungen sind.

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Wie viele Frauen sind in Deutschland in der Prostitution?

Schätzungen schwanken zwischen circa 200.000 (S. 7) und 400.000 (S. 109) prostituierten Personen in Deutschland. Davon sind circa 90-93% weiblich (S. 109). Als Prostituierte angemeldet sind in Deutschland gegen Ende 2019 32.799 Personen.

Angemeldete Prostituierte

Was ist das Profil einer Frau in der Prostitution?

Laut dem Statistischen Bundesamt sind 76% aller Frauen in der deutschen Prostitution 21-44 Jahre alt, 17% 45 Jahre oder älter und 6% 18-20 Jahre alt. Einer Studie von 2003 zu Folge sind Frauen in der deutschen Prostitution im Schnitt 26 Jahre alt und durchschnittlich im Alter von 19 Jahren in die Prostitution eingestiegen. Dabei waren 41% beim Einstieg in die Prostitution unter 18 Jahre alt (S. 40 bzw 8). Weitere Studien bestätigen die beträchtliche Anzahl der Frauen, die als Minderjährige einsteigen.

Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums sind prostituierte Frauen zu 53% ohne ein Elternteil, bei Pflege- bzw. Adoptiveltern oder in Heimen aufgewachsen (Vergleichszahl aus der Durchschnittsbevölkerung: 19%; S. 481ff). 51% der Frauen haben eigene Kinder (S. 486).

Laut einer kleinen Studie von 2003 waren 74% der Befragten wohnungslos gewesen oder waren zurzeit der Befragung wohnungslos (S. 43 bzw. 11).

Seit 1999 verzeichnen Hilfsorganisationen einen stetigen Anstieg von Migrantinnen in der deutschen Prostitution (S. 109), ein internationaler Trend (S. 8).

Prostitution in Europa Immigrantinnen Zahlen

Zurückzuführen ist dies zum großen Teil auf die Erweiterung der Europäischen Union von 2004 (Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern) und der von 2007 (Rumänien und Bulgarien). Schätzungen des Anteils der ausländischen Frauen schwanken zwischen 63% (2008, S. 109), 70+% (2016), 81% (2019), 84% (2013) und 90% (2015, S. 14). Die Frauen stammen aus folgenden Gebieten:

Herkunftsländer

Die häufigsten Herkunftsländer sind Rumänien, Bulgarien und Ungarn. Besonders ausländische Frauen haben einen eingeschränkten Zugang zu Bildung und kommen in der Regel aus ärmlichen Verhältnissen (S.114). Aber auch Frauen aus der (deutschen) Mittelschicht können sich in der Prostitution wiederfinden – obwohl trotzdem die meisten Studien belegen, dass Frauen in der Prostitution im Schnitt weniger Abschlüsse haben als Frauen in der Gesamtbevölkerung (S. 482ff).

Was lässt sich über den Alltag in der Prostitution sagen?

Die Mehrheit der Frauen in der deutschen Prostitution ist in der sog. Innenraum-Prostitution tätig, sprich in Wohnungs- oder Großbordelle (81%, S. 111), gefolgt von einer deutlich kleineren Zahl auf dem Straßenstrich (13%, S. 111). Nur eine sehr kleine Gruppe operiert ausschließlich über Escort (6%, S. 111) – bedeutend wo auch immer Freier sie hin bestellen (Hotel, Wohnung, u.ä.).

Etwa Drei-Viertel aller Frauen in der Prostitution muss mehr als die Hälfte ihres Einkommens an Dritten abgeben (S. 116), was nach deutschem Gesetz mitunter unter Zuhälterei fällt. Auch das Statistische Bundesamt schätzt, dass circa die Hälfte der Einnahmen prostituierter Frauen an Dritte gehen zur Bezahlung von Zimmermieten, Stand- und „Schutzgeld“, Werbeanzeigen, Kleidung, Verhütungsmittel, usw. Im Bordell beträgt der Brutto-Verdienst pro Freier im Schnitt 50€, auf dem Straßenstrich 25€ und im Escort 100€. Mehr Informationen zu Preisen in der deutschen Prostitution gibt es hier.

Für die Mehrheit der Frauen ist Prostitution mit einem ständigen Ortswechsel verbunden – 80% auch nach Städten außerhalb Deutschlands, insbesondere ins Heimatland, den Niederlanden, Spanien, Italien oder der Schweiz (S. 119-120). Hauptgründe für den Ortswechsel sind die Nachfrage nach „neuen Frauen“, finanzielle Notwendigkeit und Zwang durch Zuhälter (S. 120).

Auch in der legalen Prostitution werden Frauen regelmäßig unter Druck gesetzt ungeschützen Verkehr anzubieten (S. 114, 116). Ein Drittel bis die Hälfte aller Frauen in der Prostitution haben wenig bis gar keine Kontrolle über ihre Situation – insbesondere über die sexuellen Praktiken, die von ihnen verlangt werden (S. 115).

Wie viel Gewalt erleben Frauen in der Prostitution?

In der Prostitution erlebt die Mehrheit von Frauen Gewalt (80-85%, S. 117) und ist damit deutlich höheren Risiken ausgesetzt als die Durchschnittsbevölkerung. Einheimische Frauen und Immigrantinnen leben in der legalen deutschen Prostitution nach wie vor mit hohen Risiken von Gewalt – explizit durch Freier, Bordellbetreiber und Zuhälter (S. 117 und Quelle 2, S. 43 bzw. 507). Übergriffe durch Fremde oder durch Polizisten finden ebenfalls statt (S. 114). Insgesamt wurden im Vergleich zu der weiblichen Durchschnittsbevölkerung fast sechsmal so häufig Personen aus dem Arbeitsumfeld und doppelt so häufig unbekannte Personen als Täter benannt (S. 42 bzw. 506). Weiter Informationen zur Tätergruppe Freier gibt es hier.

In einer Studie von 2003 waren 52% der befragten Frauen im Kontext der Prostitution mit einer Waffe bedroht worden (S. 43 bzw. 11). In einer Studie des Bundesfamilienministeriums gaben 40% der befragten prostituierten Frauen an, bereits mindestens einmal Opfer eines Raubüberfalls geworden zu sein – davon hatten 38% einen Raubüberfall im Kontext der Prostitution erlebt (S. 57 bzw. 521). 35% hatten mindestens einmal erlebt, für längere Zeit eingesperrt oder gefesselt worden zu sein, 39% davon im Zusammenhang mit Prostitution (S. 57 bzw. 521). Zum Ausmaß der Gewalt kam die BMFSFJ Studie zu folgenden Schlüssen:

Gewalterfahrungen

Die kleinere Studie von 2003 bestätigte ebenfalls, dass Frauen in der deutschen Prostitution einem überdurchschnittlichen Maß an physischer und sexueller Gewalt in der Kindheit und Jugend ausgesetzt waren: Demnach hatten in der Kindheit/Jugend 48% physische Gewalt mit Verletzungsfolgen erlebt und 48% sexuelle Gewalt. (S. 43 bzw. 11).

Belästigung

Psychische Gewalt

Körperliche Gewalt

Laut der BMFSFJ Studie waren mindestens 47% aller befragten Frauen in ihrem Leben vergewaltigt worden. Laut einer kleineren Studie von 2003 waren 63% Opfer von Vergewaltigern geworden – konkret in der Prostitution. Davon waren 50% mehr als fünf mal vergewaltigt worden (S. 43 bzw. 11).

In der BMFSFJ Studie gaben nur 7% der Frauen an dazu gezwungen worden zu sein Pornoszenen nachzuspielen – in der 2003 Studie waren es 44% (S. 46 bzw. 14). 50% der Frauen gaben außerdem an, dass im Kontext von Prostitution pornographische Aufnahmen von ihnen gemacht wurden (S. 46 bzw. 14).

Sexuelle Gewalt

International wird geschätzt, dass prostituierte Frauen circa 18-Mal so häufig ermordet werden, wie die weibliche Durchschnittsbevölkerung und die Mordtat in der Regel in Verbindung mit der Prostitution steht. Damit hat Prostitution eine höhere Mordrate als jeder reguläre Beruf.  Eine Untersuchung der Mordfälle an prostituierten Frauen in Deutschland verweist auf Freier als primäre Tätergruppe (mehr als die Hälfte aller hier erfassten Fälle) – international ergibt sich ein ähnliches Bild (Quelle 2). Eine eigene Auswertung der eben verlinkten Fälle aus Deutschland kam zu folgendem Ergebnis (hier wurden Täter, die sowohl Partner als auch Freier oder Zuhälter waren, als Freier oder Zuhälter anstatt als Partner einsortiert):

Prostituiertenmörder

Was sind die Konsequenzen von Prostitution für Frauen?

Frauen sind in der Prostitution hohen Belastungen und Risiken ausgesetzt. Dazu gehören andauernde finanzielle Engpässe, Schulden, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Gewalt, Verlust der Identität, niedriges Selbstbewusstsein, Stigmatisierung, Diskriminierung und Abhängigkeitsverhältnisse zu Dritten (S. 113). Als Konsequenz dieser Lebensrealität leiden prostituierte Frauen mehr als doppelt so häufig an signifikanten chronischen körperlichen und psychischen Problemen, wie die weibliche deutsche Durchschnittsbevölkerung (S. 63-64 bzw. 527-528). Das deckt sich mit internationalen Studien zu der Gesundheit von Frauen in der Prostitution und solchen, die sie verlassen haben (S. 54 bzw. 22).

Eine kleine Studie von 2003 ergab, dass 60% der befragten Frauen Symptome von posttraumatischem Stress zeigten (S. 47 bzw 15). Die Sterberate prostituierter Frauen ist circa 12 Mal so hoch wie die der Durchschnittsbevölkerung (S. 1).

Psychische Folgeschäden

Körperliche Folgeschäden

Eine Studie des Familienministeriums hob bei ihrer Auswertung hervor, dass etwa 1 von 5 aller befragten prostituierten Frauen konkret durch die Ausübung der Prostitution mittlere bis schwere Körperverletzungen erlitten hatte (S. 67 bzw. 531). Erhebungen zu konkreten körperlichen und Verletzungsfolgen von Übergriffen über das Leben hinweg kamen außerdem zu folgenden Ergebnissen (S. 46-47 bzw. 510-511):

Folgeverletzungen

Einheimische wie ausländische Frauen in der deutschen Prostitution haben überdurchschnittlich oft Alkohol- oder Drogenprobleme (S. 114). Umfragen zu Folge leben 50-70% mit einer Sucht – in den häufigsten Fällen handelt es sich dabei um Sucht nach Kokain, Heroin, Amphetaminen, u.ä. oder einer Kombination mehrerer Drogen (S. 117). Laut einer kleinen Studie von 2003 hatten 70% der befragten Frauen Drogen konsumiert und 54% zu Alkohol gegriffen (S. 50 bzw. 18). Untersuchungen aus der BMFSFJ Studie zum Konsum starker pharmazeutischer Mittel unter prostituierten Frauen ergaben Folgendes (S. 65-66 bzw. 529-530):

Betäubungsmittel

Wie viel Zugang haben Frauen in der Prostitution zu ihren Rechten?

Einheimische Frauen haben theoretisch Anspruch auf Arbeitslosengeld, Renten und Krankenversicherung. In der Theorie ist es ebenfalls möglich Freier wegen ausstehender Bezahlung anzuzeigen. In der Praxis herrscht ein Mangel an Wissen über und Zugang zu Rechtswegen (S. 114), Gerichtsverfahren bei denen Frauen Lohn von Freiern einklagen sind nicht bekannt (S. 3) und hohe Steuern stellen eine andauernde Belastung da (S. 121; bis zu 25€ pro Tag, S. 10). Obwohl der Prozess auf der Basis des Gesetzes von 2001 erleichtert wurde, haben nur circa 1% aller prostituierter Frauen in Deutschland eine Arbeitsvertrag (S. 4). Als nach dem Gesetz „Selbstständige“ konnten Frauen in der Prostitution bereits vor 2001 freiwillige Beträge in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, allerdings war und ist ihnen der Zugang zu anderen Sozialversicherungssystemen verwehrt (S. 10).

In der Praxis haben viele Frauen keine Möglichkeit die Identität und Vertrauenswürdigkeit eines Freiers zu überprüfen, bevor jeglicher Kontakt stattfindet, was ein Aspekt ist, der eine Anzeige bei Fällen von Gewalt erschwert (S. 4).

Immigrantinnen in der deutschen Prostitution haben mitunter kein Aufenthaltsrecht im Land und sind entsprechend von der Gesellschaft isoliert und von Behörden, Gesundheitsversorgung wie auch ihren Rechten abgeschnitten. Viele sprechen außerdem kein Deutsch und sind wenig bis gar nicht über die rechtliche Situation informiert (S. 114, 122).

Völlig entkriminalisiert sind prostituierte Frauen in Deutschland in der Praxis ebenfalls nicht: In sogenannten „Sperrbezirken“ müssen Frauen, die sich dort aufhalten, Strafen zahlen (S. 9ff).

Was wollen Frauen in und aus der Prostitution?

Frauen in und aus der Prostitution sind keine homogene Gruppe mit einheitlicher Meinung zu ihrer Situation. Sie befürworten in der absoluten Regel die Entkriminalisierung ihrer Tätigkeit bzw. ihres Überlebensmechanismus (je nach Einordnung der jeweiligen Frau) und wünschen eine Beendigung der Gewalt durch Freier, Zuhälter und Polizisten, so wie die Eröffnung von Alternativen bei Ausstiegswunsch und die Beendigung des gesellschaftlichen Stigma gegen sie. Es gibt Einzelpersonen wie Interessenverbände für unterschiedliche legislative Herangehensweisen, allerdings ist über die politische Einstellung zur Gesetzgebung der breiten Masse von prostituierten Frauen in Deutschland sehr wenig bekannt.

Laut einer kleinen Studie von 2003 empfinden 59% der befragten Frauen die Legalisierung der Prostitution nicht als ausreichend, um die Industrie sicherer zu machen (S. 52 bzw 20).

Die konkreten Bedürfnisse bzw. Nöten von Frauen in der Prostitution können jeweils sehr unterschiedlich aussehen, aber zu ihnen gehören konkret (S. 51 bzw. 19):

Bedürfnisse Notsituation

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